80 Jahre LAG der Freien Wohlfahrtsverbände: Jüdische Wohlfahrt ist Demokratie in Aktion
Der PARITÄTISCHE Schleswig-Holstein und die jüdischen Landesverbände machen jüdische Sozialarbeit in Schleswig-Holstein sichtbar – von der Arbeit gegen Antisemitismus bis zur niedrigschwelligen Beratung im Alltag
Die Landesarbeitsgemeinschaft der Freien Wohlfahrtsverbände in Schleswig-Holstein feiert in diesem Jahr ihr 80-jähriges Bestehen. Unter dem Motto „Wohlfahrt ist Demokratie in Aktion“ macht die LAG sichtbar, wie soziale Arbeit demokratische Teilhabe im Alltag ermöglicht: Sie schafft Zugänge, stärkt Selbstorganisation, schützt Menschen und sorgt dafür, dass niemand mit seinen Anliegen allein bleibt.
Im Rahmen des Jubiläums haben der PARITÄTISCHE Schleswig-Holstein und die jüdischen Landesverbände jüdische Wohlfahrtsarbeit in Schleswig-Holstein sichtbar gemacht. Bei zwei Pressegesprächen in Kiel und Bad Segeberg wurde deutlich, wie vielfältig diese Arbeit ist und wie unmittelbar sie Menschen erreicht – von der Auseinandersetzung mit Antisemitismus und dem Schutz jüdischen Lebens bis zur mehrsprachigen Beratung und konkreten Unterstützung im Alltag.
Beim ersten Pressegespräch am 8. September 2026 in der Jüdischen Gemeinschaft Schleswig-Holstein K.d.ö.R. in Kiel ging es um die Erfahrungen jüdischer Menschen und Einrichtungen mit Antisemitismus. Viktoria Ladyshensky von der Jüdischen Gemeinschaft Schleswig-Holstein und Joshua Vogel von der Paritätischen Mitgliedsorganisation ZEBRA e.V. machten deutlich, dass Antisemitismus seit Jahrzehnten den Alltag jüdischer Menschen prägt und sich die Bedrohungslage insbesondere seit dem 7. Oktober 2023 deutlich verschärft hat.
Die Auseinandersetzung mit Antisemitismus und der Schutz jüdischen Lebens sind deshalb zentrale Aufgaben demokratischer Sozial- und Wohlfahrtsarbeit. Jüdische Wohlfahrt findet unter Bedingungen statt, die sich von denen anderer Wohlfahrtsverbände unterscheiden: Sie muss soziale Unterstützung leisten und zugleich mit den besonderen Folgen und Gefährdungen umgehen, die aus jahrzehntelangem Antisemitismus entstehen.
Das zweite Pressegespräch fand am 10. September 2026 beim Landesverband der Jüdischen Gemeinden von Schleswig-Holstein K.d.ö.R. in Bad Segeberg statt. Im Mittelpunkt standen das Mobile Beratungsangebot und die mehrsprachige jüdische Sozialarbeit, unter anderem auf Arabisch, Englisch und Russisch.
Wie niedrigschwellige Wohlfahrt konkret funktioniert, zeigte sich bei einem Besuch vor Ort: In Gymnastikkursen für Senior*innen geht es nicht nur um Bewegung und Begegnung. Die Teilnehmenden können zugleich Fragen stellen oder zur Unterstützung von Angehörigen klären. Wenn jemand eine*n Dolmetscher*in benötigt, kann dies dort unkompliziert angesprochen und an die passende Beratung weitervermittelt werden.
Gerade diese Verbindung aus Begegnung, Vertrauen und konkreter Hilfe macht niedrigschwellige Wohlfahrt aus. Menschen müssen nicht erst eine Beratungsstelle finden, einen Antrag formulieren oder ihre Situation in einer fremden Sprache erklären. Sie können dort anknüpfen, wo sie ohnehin zusammenkommen – und erhalten Unterstützung bei den Fragen, die ihren Alltag unmittelbar betreffen.
Michael Saitner, geschäftsführender Vorstand des PARITÄTISCHEN Schleswig-Holstein, sprach in diesem Zusammenhang über die Bedeutung von Migrationsberatung und Integrationskursen. Die Beispiele aus Kiel und Bad Segeberg zeigen, wie wichtig verlässliche Rahmenbedingungen für diese Arbeit sind. Niedrigschwellige, mobile und mehrsprachige Angebote müssen erhalten und abgesichert werden. Ebenso braucht es Unterstützung für die Arbeit gegen Antisemitismus und für den Schutz jüdischen Lebens. Ihre Finanzierung und ihr Erhalt sind daher unverzichtbar für eine funktionierende, integrative Gesellschaft.
Unter dem Jubiläumsmotto „Wohlfahrt ist Demokratie in Aktion“ wird damit sichtbar: Wohlfahrt stärkt Demokratie, indem sie Menschen erreicht, Vertrauen schafft, Teilhabe ermöglicht und solidarisches Handeln im Alltag organisiert. Die Landesarbeitsgemeinschaft der freien Wohlfahrtsverbände hatte bereits bei ihrem Auftakt im Mai auf die wachsenden sozialen Herausforderungen und die Notwendigkeit verlässlicher finanzieller Rahmenbedingungen hingewiesen. Die beiden Gespräche zeigen, wie diesen Herausforderungen in der Praxis begegnet wird – und warum diese Arbeit unverzichtbar ist.